Abiturientia des Carolus-Magnus-Gymnasiums, Marsberg, mit Direktor, 1966 (Bildarchiv der Volkskundlichen Kommission für Westfalen)

Eine Abiturientin klagt an.

Abituransprachen als Medium der Kritik von Schülerinnen und Schülern

Sieht man sich die Fotografien der Abiturjahrgänge aus den 1960er-Jahren an, dominiert der Eindruck von äußerlicher Anpassung bis hin zur Uniformität. Nicht nur der Kleidungsstil oder das auf manch einem Traditionsgymnasium noch selbstverständliche Tragen einer Schülermütze, sondern auch die Körperhaltung der Abgebildeten lassen Gedanken an Protest, Kritik oder abweichendes Verhalten gar nicht erst aufkommen.

Der Ablauf der Abiturfeiern entsprach seit der Nachkriegszeit schul- und regionsübergreifend im Grunde immer demselben Muster: Reden des Direktors/der Direktorin, einer Vertreterin/ eines Vertreters des Lehrerkollegiums und der Elternschaft wechselten sich mit musikalischen Einlagen ab. Auch aus dem Kreis der Abiturienten wurde eine Rednerin/ ein Redner benannt. Ihre/ seine Aufgabe war es, Eltern und Erziehern in gesetzten Worten den ihnen gebührenden Dank abzustatten.

Gegen Ende der 1960er-Jahre regte sich aber Kritik an dieser tradierten Festform. Die Schülerinnen und Schüler begehrten gegen die ihnen zugedachte Rolle und gegen den verknöcherten Festrahmen auf. Teilweise nutzten sie auch die Festöffentlichkeit, um Kritik an der Schule, an den Erziehern und an den Mitabiturienten anzumelden. Unter der Überschrift „Eine Abiturientin klagt an“ ist die kritische Abiturrede von „Fräulein“ Lutter, die 1968 ihre Schullaufbahn an der Marianne-Weber-Schule in Lemgo abgeschlossen hatte, komplett in der Lippischen Landeszeitung abgedruckt und zur Diskussion gestellt worden.

„Fräulein“ Lutter – ein Vorname wird – zeittypisch – in der Tageszeitung nicht genannt – wandte sich in ihrer Abiturrede gegen die Lethargie und Indifferenz des Lehrerkollegiums und ihrer Mitschülerinnen. Vor allem prangerte sie an, dass den Heranwachsenden keine Möglichkeit gegeben werde, sich kritisch mit dem System Schule auseinanderzusetzen. In Schule und Elternhaus vermisste sie die Erziehung zum kritischen Danken, beklagte aber auch die allzu große Anpassungsbereitschaft vieler Schülerinnen und Schüler. 

Das Echo der ZeitungsleserInnen ließ nicht auf sich warten. Etwa 20 LeserbriefschreiberInnen äußerten sich zu der Abiturrede, wobei ein Großteil den Äußerungen Lutters sogar zustimmte, diese als „frischen Wind aus Lemgo“ oder als nicht ungebührliche Forderungen bezeichnete. Aus dem Kreis der Kritiker sticht besonders der 42-jährige Dr. Brinkmann aus Detmold hervor, der forderte: „Eine Abiturientenrede sollte nicht unter dem Motto ‚Ich klage an‘ stehen, sondern das Leitmotiv ‚Hut ab vor unseren Eltern‘ haben.“